9/30/2016

GUILTY PLEASURE: T'PAU

Eine schlimme Dauerwelle im feuerroten Haar und eine sirenenhafte Stimme, die Power-Pop-Hits von sich schleuderte: Carol Decker von der Band T'PAU vereint eigentlich alles, was man an den Achtzigern so verabscheuen könnte, doch...: Songs wie "China in your Hand", "Valentine" und vor allem das Lied "Heart and Soul" mit den catchy Overdubs haben solch eine emotionale Wucht, das man ihr nicht böse sein kann. Zudem ist der Name der Band damals für Teenies sehr geheimnisvoll und rätselhaft gewesen. Heute kann man googeln (natürlich hätte man auch damals recherchieren können, aber der Zauber des Unbekannten war schon schön) und stellt fest, T'Pau ist eine Figur aus dem Star-Trek-Universum, die einst eine Hochzeit von Spock durchführen sollte, die im völligen Fiasko endete. Die Band selbst endete nicht im Fiasko, sondern recht klanglos im Jahre 1991. Die Achtziger waren da wohl endgültig vorbei. Das Guilty Pleasure T'Pau teilen aber immer auch noch andere, denn neulich coverte Shoegazer RINGO DEATHSTARR den Song "Heart and Soul". Hier das Original-Video mit blauem Licht und Trockeneisnebel, Schulterpolster und viel Drama. Das coole Cover kann man übrigens kostenlos downloaden...









http://msshapes.blogspot.de/2016/09/gulty-pleasure-tpau.html

9/21/2016

SIE KAM AUS DEM ALL

In der (fiktiven) slowakischen Kleinstadt Čabovce am Fuße der Hohen Tatra scheinen die Sommerferien nie zu Ende zu gehen: Genauso wie der kleine Zuschauer dieser tschechoslowakischen Fernsehserie aus den Achtzigerjahren das damals wohl auch empfunden hat.  Wie die Kinder der Serie "Sie kam aus dem All" jeden Tag, jedes Erlebnis und jedes Gefühl auskosten, so kann man nur staunend vor diesem kleinen Fernsehjuwel sitzen und innehalten. Hier verbinden sich Anarchie, Science-Fiction und Märchen auf wunderbarste Weise. Es geht um zwei zunächst rivalisierende Kindercliquen, die durch den Besuch eines außerirdischen Mädchens zu Freunden werden, denn es gilt sie vor den Erwachsenen zu verstecken. Majka hat überirdische Kräfte und ist zugleich doch schwach, denn sie muss sich durch gewaltige radioaktive Energien quasi immer wieder aufladen. Ein wenig erinnert dies an den Serienerfolg "Stranger Things", der sich schließlich aus der Nostalgie des Achtziger-Jahre-Gefühls nährt, doch "Sie kam aus dem All" war sicherlich keine Referenz, auch wenn die Parallelen und Schlagworte verblüffend ähnlich sind. Allein ein paar Screenshots zeigen die optische Verwandtschaft, wobei "Sie kam aus dem All" tatsächlich eine handgemachte Unschuld lebt, während sämtliche Retro-Varianten mit dieser cool spielen: Reist also alle mit - Zurück in die gute alte Zukunft!






Und so sieht das Ganze dann in der Serie so aus:





Und, dass ein Hype auch um die kleinen Hauptdarsteller wie Zuzana Pravnanska entstand,
ist in diesem Zeitdokument wunderbar zu sehen:





http://msshapes.blogspot.com/2016/09/sie-kam-aus-dem-all.html

9/07/2016

CEMETRY GATES

"A dreaded sunny day
So I meet you at the cemetry gates
Keats and Yeats are on your side
While Wilde is on mine"

(The Smiths)

So ist das also, wenn man auf "sein" eigenes Grab schaut...


Wien, Zentralfiredhof

9/06/2016

GRACE JONES: I'LL NEVER WRITE MY MEMOIRS

GENIUS | GENDER | GRACEFUL


Wenn eine Ikone wie Sie eine Autobiographie schreibt, fragt man sich unwillkürlich, ob man den echten Menschen hinter dem Image überhaupt kennen lernen will und im Fall von Grace Jones, ob Sie überhaupt ein echter Mensch ist: Zu konstruiert erscheint sie in all den Kunstformen, in denen sie sich bereits präsentierte. Sie ist zugleich Disco-Queen, Bond-Bösewichtin, Menschmaschine, altersloses Alien, athletische Verwischerin aller Gender-Thesen und widersprüchliches Wesen: Genauso wie der Titel ihrer Lebenserinnerungen "I'll never write my memoirs" verweigert Jones dem Leser eine eindeutige Deutung ihrer Karriere und sie spielt mit uns, denn eigentlich hat sie mit dem Buch auch gar nicht ihre Memoiren geschrieben, sondern eine weitere Performance in Sachen Kunstfigur hingelegt. Denn wer könnte schon, ohne billig zu wirken, ihr Buch barbusig präsentieren, wenn nicht Miss Grace Jones, mit (vermutlich) 67 Jahren. Ganz die Diva (wobei sie sich dieses Wort verbittet), gibt sie keine genauen Zeitangaben an, darauf bestehend, dass sie ein Wesen aus Energie ist und so will sie auch die Zeit verstanden wissen - diese kann ihrer Meinung nach wie ihr immer noch stets benutzter Hula-Hoop-Reifen hin- und herfließen. Die These scheint der immer jung Wirkenden recht zu geben: Man glaubt ihr, wenn sie sich immer noch wie ein Mädchen fühlt, gleichzeitig jedoch auch Mutter und Model ist. Dabei ist dies keine Forderung an Frauen, alles gleichzeitig zu machen. Jones probiert im Leben einfach alles (und sie beschreibt auch offenherzig wirklich alles) einmal aus, ohne darauf zu achten, wie sie dabei auf andere wirkt oder welche Auswirkungen dies auf ihre Karriere haben könnte: Das ist das wahre feministische Statement in ihrem Buch, das sich liest als würde sie neben einem sitzen, einen Champagner in der Hand und den Finger der anderen elegant auf einer Play-Taste gelegt. Damit spielt sie dann die musikalischen Stationen ihrer Karriere ab, von den Anfangszeiten als Disco-Star der wilden Studio54-Zeiten über die stilprägenden Achtziger Jahre des "Island Life"-Albums bis hin zu ihrem selbstbewussten Comeback "Hurricane". Hier rechnet sie mit der Industrie ab und "Corporate Cannibal" daraus ist ein dämonisches Stück Abrechnung mit einer herzlosen Maschinerie geworden, unter deren Räder Jones jedoch nie kam. Vor einem solchen Schicksal warnt sie in ihren Memoiren ihre Nachfolgerinnnen wie Lady Gaga, Miley Cyrus oder Rihanna, die sie ganz offen des Plagiats rügt. Letztere trug beispielsweise einen bemalten Bodysuit, so dass sie nackt aussah, doch Jones ließ sich den nackten Körper von Keith Haring bemalen. Dies ist der Unterschied zwischen Wagnis und Imitation, zwischen echtem Underground und Mainstream, der mit dem Underground nur flirtet, zwischen Show-Effekt und wahrer künstlerischer Aussage, zwischen dem Ziel doch nur zu gefallen und dem Ziel wirklich unangepasst zu sein. Darum ist Jones zeitlos, ihre Fotos und Videos aus den Achtziger Jahren wirken deshalb auch jetzt noch futuristisch und neu. Insofern passt ein Credo ihres ziemlich inspirativen Buches wunderbar zu der Unfassbaren:

“Even death won’t stop me. It never has. You can find images of me from centuries ago. Faces that look like mine carved in wood from ancient Egypt [...] I have been around for a long time, heart pounding, ready to pounce on my prey [...] tripping, grieving, loving, hunting, conquering, seducing, fighting, dreaming, laughing, and I always will be.”



Sound zum Buch:













http://msshapes.blogspot.de/2016/09/grace-jones-ill-never-write-my-memoirs.html

4/13/2016

JOEL F. HARRINGTON: DIE EHRE DES SCHARFRICHTERS

GESCHICHTEN | GESCHICHTE | GESCHICKE

Frantz Schmidt, der einstige Nürnberger Henker, richtete von 1573 bis zu seiner Pensionierung 1618 an die 400 Menschen hin, unzählige folterte oder verstümmelte er. Zum Glück sind diese Zeiten vorbei mag da so mancher denken, aber die Menschenrechtsorganisation Amnesty International spricht in ihrem neuesten Jahresbericht von immer mehr Hinrichtungen weltweit und man kann davon ausgehen, dass die Maschinerie des Tötens und die Perfidie des Folterns heutzutage anders, aber nicht weniger grausam abläuft als in der frühen Neuzeit. 
Welch ein Beruf der des Henkers war, schildert Joel F. Harrington eindrucksvoll in seinem klugen Buch "Die Ehre des Scharfrichters: Meister Frantz oder ein Henkersleben im 16. Jahrhundert". Der Historiker wertete das Tagebuch dieses Mannes aus, der einen eigenwilligen Karriereweg hinlegte. Als Sohn eines Scharfrichters war Schmidt gezwungen, den Beruf seines Vaters weiter zu führen und lebte ein Leben in Isolation und Unehre: Niemand wollte mit einem Henker zusammen gesehen werden. Die so genannte ehrbare Gesellschaft schloss den Mann aus, der selbst jedoch recht ehrenvoll war: Er trank keinen Alkohol und übte nebenbei den Beruf des Heilers aus - absurderweise auch an den "Patienten", die er vorher verstümmelte. Allein an letztem Beispiel sieht man, dass die damaligen Vorstellungen von Recht und Strafe von der heutigen variieren: Hauptaufgabe der Justiz war es, abzuschrecken und die göttliche Ordnung wiederherzustellen. Und Schmidt musste dafür sorgen. Daneben arbeitete er verbissen an der Wiedererlangung seiner Ehre, was ihm am Ende seines Lebens in Nürnberg auch gelang und im Beerdigungsbuch ist er schließlich als ehrsamer Arzt verzeichnet. Seine damalige Dienstwohnung ist übrigens inzwischen ein Touristenmagnet und als Museum zu besichtigen.
Doch das Buch ist kein Stück Schauerromantik, sondern ein unglaublich interessanter historischer und volkskundlicher Einblick in ein vergangenes (Berufs-)Leben. Man würde sich wünschen, auch solch Dokumente von den Henkern von heute irgendwann einmal vorzufinden. Vielleicht würde dies zum Nachdenken über den Sinn der Todesstrafe führen, denn wie man sieht, hat sie bis heute nichts am Wesen des Menschen geändert.




Sound zum Buch: