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12/14/2024

BÜCHER 2024

 



Copyright: Stefanie Sargnagel



Zitat des Jahres: "Liebe ist ein Teller voll frisch geschnittenem Obst". Dem ist nur zuzustimmen und hinzuzufügen - und Trost ist ein Teller mit dampfend heißer Suppe.

 

1. STEFANIE SARGNAGEL - IOWA

Strenggenommen Ende Dezember 2023 erschienen, aber was ist in dieser eigenartigen Phase des Jahres schon Zeit: Und weil mich 2024 kein anderes Buch mehr begeisterte, landet dieser besondere Reisebericht auf Platz 1. Die Königin von Wien, Stefanie Sargnagel fliegt mit der Königin von Berlin, Christiane Rösinger in den Mittleren Westen der USA und erzählt mit erheiternden und ehrlichen Fußnoten der Indie-Musiklegende Rösingers „korrigiert“ im lakonisch, lässigen und lustigen Sargnagel-Sound von ihren Erlebnissen zwischen Redneck-Kleinstadt und woken Colleges. Sie treffen auf Menschen, die den „Simpsons“ oder den „Gilmore Girls“ entsprungen sein könnten, sie blicken mit liebevollem Sarkasmus auf Iowa und die sich auf dem im Eigenfett wälzenden Hotdogs, um Kruste um Kruste aufzubauen wie Panzer gegen Verderblichkeit. Aber Sargnagel und Rösinger blicken auch mit viel Selbstironie auf sich selbst  - und vor allem zeigen sie das Elementare von Frauenfreundschaften. 




2. TOXISCHE POMMES - EIN SCHÖNES AUSLÄNDERKIND


Vor dem Krieg in Jugoslawien flüchtet die Familie von Toxische Pommes (bürgerlicher Vorname Irina, Nachname unbekannt) nach Österreich, wo sie in Wiener Neustadt aufwuchs. Diese Erfahrung hat die Satirikerin und Schriftstellerin in diesem autofiktionalen Romandebüt in rührenden, brutalen, traurigen, absurden, lustigen und liebevollen Worten aufgeschrieben, die einfach radikal ehrlich sind. Wer selbst als Kind aus seinem Umfeld herausgerissen wurde und irgendwo anders klarkommen muss - wie ich auch - muss dieses Buch lesen. Wenn darin Osteuropa- und Balkanklischees so gnadenlos auf Österreich-Banalitäten treffen, lacht man Tränen, wenn von inneren Kämpfen und identitätszerrissenen Episoden berichtet wird, weint man Tränen.




3. BARBI MARKOVIC - MINIHORROR


Alltagshorror in Kurzgeschickten verpackt und zerhackt: Mit Wut und Wucht erzählte schlaue, schräge und scharf formulierte Storys. Als Untertitel für „Minihorror“ könnte man „Kafka bei Ikea“ nehmen, denn Barbi Markovic schält die ganz gewöhlichen Albträume aus ihrer Fiktion und lässt sie lebendig werden. In kargen bis knalligen Worten beschreibt sie den Kosmos zwischen Wien und Belgrad, in der ihre Hauptfiguren Miki und Mini leben, deren Namen an Disney-Figuren erinnern und das Schriftbild auf dem Cover ebenso, die aber hier nicht putzig, sondern paranoid durch die Storys dieses "Lustigen Taschenbuchs" getrieben werden. Das ist mal urkomisch und dann wieder urböse.






4. THERESA PRAMMER - FALSCHE MASKEN


Der mittlerweile dritte Krimi um das ungleiche Detektivduo Toni und Edgar, die diesmal im Theatermilieu einen Fall lösen müssen: Dabei jagen die beiden durch Wien und kommen an vielen vertrauten Orten vorbei und auch sie selbst - die empathisch emotionale Theaterstudentin und der stoische schwule Ermittler - kommen einem als LeserIn immer vertrauter vor. Das eine der Hauptfiguren meinen Nachnamen trägt - leicht ander geschrieben als Kratochvil - hat zur Vertrautheit mit Theresa Prammers äußerst lebendigen und liebenswerten Figuren nur beigetragen. Bei all den filmischen Szenen bleibt zu hoffen, dass daraus eine TV-Serie wird...







5. HARUKI MURAKAMI - DIE STADT UND IHRE UNGEWISSEN MAUERN


Ein episches und philosophisches Werk des magischen Realismus, wie ihn nur der Japaner Haruki Murakami schreiben kann, ohne dass einen Einhörner und Traumleser als kitschige Protagonisten stören könnten. Fantasy und Weltflucht sind Subtexte des Romans, aber bei der Liebesgeschichte zweier namenloser Teenager geht es eigentlich um die Suche nach dem Selbst und die Möglichkeit, Mauern zu überwinden und die Wahrnehmung von Realität, so dass „Die Stadt und ihre ungewissen Mauern“ wie ein Möbiusband wirkt und das Lesen darin wie ein Schweben.

12/16/2023

BÜCHER 2023



1. BRET EASTON ELLIS - THE SHARDS

Autofiktion, die komplexer und krasser nicht sein könnte: Bret Easton Ellis imaginiert hier ein Coming Of Age voller Teenangst und Triebe zwischen Gewalt und Sex. Das Buch ist zugleich Serienkillerthriller und Sehnsuchtsroman, vom Autor mit Anspielungen auf eigene Bücher, literarische Vorbilder wie Stephen King und musikalische Leitplanken wie Eighties-Pop versehen. Und endlich versteht man, welche eigenwillige Kühle all seine Bücher umfasst - es ist Kim Wildes damalige trotzige rotzige Unterkühltheit, die ihre Spuren hinterlassen hat…







2. HERTA MÜLLER - EINE FLIEGE KOMMT DURCH DEN HALBEN WALD

Dass eine Literaturnobelpreisträgerin aus einem beanchbarten Dörfchen im Banat in Rumänien kommt, mit der mein Vater in meiner Geburtsstadt Temeswar im Lyzeum war, finde ich immer noch unglaublich: Herta Müller ist so luzide und wortgewaltig, dass sie zu einer meiner Lieblingsautorinnen der Gegenwart gehört. Dabei schreibt sie, wie in diesem Essayband viel über die Vergangenheit - nicht nur diejenige als Schikanierte der Securitate oder die von anderen Exilanten auf der ganzen Welt, irgendwie auch über meine, die ebenfalls aus einer Heimat vertrieben wurde und genauso absurde Erfahrungen dort wie hier machte. In diesen Buch beispielsweise pointiert beschrieben in ihren Erfahrungen in den absurden Befragungen im Nürnberger Auffangs“lager“... Und das es nun auch einen "Daily Herta Müller"-Account gibt, ist eine der Netzt-Entdeckungen des Jahres.




3. WOLF HAAS - EIGENTUM

Der Spaß mit dem Haas'schen Wortspiel beginnt hier bereits beim Cover auf dem Eigentum von Wolf Haas gestempelt steht und im Buch selbst geht er weiter, denn der „Brenner“-Autor befasst sich darin auf wortreiche wie wortkarge Art mit der brillanten Frage: Kann man vom Leben schreiben? Es geht also um nichts weniger als den Tod, den Besitz und allem dazwischen...









4. SEBASTIAN HOTZ - MINDSET

Vordergründig eine launige Geschichte über einen Erfolgscoach, angereichert mit typischen El-Hotzo-Floskeln: Eigentlich aber eine ziemlich bissige Kritik an unserer absurden Arbeitswelt, hoffnungslosen wie verzweifelten Alpha-Männchen mit Elon-Musk-Fandom. Und wie schreibt er so schön auf Twitter bzw. x-beliebiger Plattform: „Nichts ist trauriger als die Existenz von Menschen, die sich ausschließlich über ihren Job definieren und die jedes Bestreben Richtung „weniger arbeiten“ als Angriff sehen, du bist nicht fleißig, du hast Stockholm-Syndrom mit deinem Arbeitgeber“...






5. THERESA PRAMMER - SCHATTENRISS

Wegen diesem unglaublich unterhaltsamen und zugleich liebenswert lesenswerten Krimi aus Wien bin ich im Prater todesmutig in eine Achterbahn gestiegen, in der man kopfüber (f)liegt… Anders als im Roman gab es danach zum Glück keine Toten, was im Buch aber nicht an der Vergnügungspark-Attraktion liegt, sondern in einer anders verwinkelt, vertrackten Story…









Zugabe, weil dieses Jahr die Kategorie "Hörspiele" ausfällt:

Rocky Beach Crimes: "Tödliche Törtchen'" von 'Kari Erlhoff'

Eine meiner Lieblingsfiguren aus der ???-Welt ermittelt nun selbst: Und weil Tante Mathilda erwachsen ist, geschieht hier  - anders als in den Drei-Fragezeichen-Hörspielen - auch gleich ein Mord, den sie in ihrer resoluten und robusten Art aufklärt. Schließlich hängt das Verbrechen in gewisser Weise mit ihrem legendären Kirschkuchen (das wäre übrigens ein deutlich besseres Marketingprodukt als diese seltsame Pizza...) zusammen. Geschrieben für Jugendliche, liest man das Buch auch als etwas älterer Fan der drei Detektive in einem Rutsch durch, denn die vielen Anspielungen auf andere Figuren aus dem Kosmos machen ziemlich viel Spaß… Ob es die Bücher der Rocky Beach Crimes Reihe (auch der Kunstdieb Victor Hugenay aus dem 1. Fall „Der Super-Papagei“ ermittelt zum Beispiel in einem weiteren Band) auch als Hörspiele geben wird?




12/17/2022

BÜCHER 2022

 



1. SIBYLLE BERG - RCE

Anleitung / Weltrevolution / #RemoteCodeExecution













2. ASAKO YUZUKI - BUTTER

Feminismus / Fatalismus / Freundschaft













3. MIKI BERENYI - FINGERS CROSSED

Autobiography / Lush / Shoegaze













4. KAREN DUVE - SISI

Zwang / Freiheit / Jagd













5. MONICA ALI - LIEBESHEIRAT

England / India / Family




12/19/2021

BÜCHER 2021

1. JOYCE CAROL OATES - BLOND

Mythos / Macht(missbrauch) / Marilyn













2. DAVID SCHALKO - REGINA

Bös / Braunschlag / Bad Geisterstadt













3. THERESA PRAMMER - LOCKVOGEL

Krimi / Wien / Ermittlerduo













4. JULI ZEH - ÜBER MENSCHEN

Unterleuten / Bei / Übermenschen













5. FERDINAND SCHMALZ - MEIN LIEBLINGSTIER HEISST WINTER

Makabre / Wiener / Moderne







12/14/2016

ADVENTSKALENDER #14: Books 2016

1. HEINZ STRUNK - DER GOLDENE HANDSCHUH
"Er isst wütend seinen Sauerbraten, hackt ins Fleisch, als wollte er die Speise hinrichten."






















2. GRACE JONES - I'LL NEVER WRITE MY MEMOIRS
“Even death won’t stop me. It never has. You can find images of me from centuries ago."























3. JULI ZEH - UNTER LEUTEN
“Wenn ich in Unterleuten eins gelernt habe, dann dass jeder Mensch 
ein eigenes Universum bewohnt, in dem er von morgens bis abends recht hat.”
























4. HEINRICH STEINFEST - DAS LEBEN UND STERBEN DER FLUGZEUGE
"Ein Buch ist nichts anderes als eine Vorbereitung auf das Sterben."























5. THERESA PRAMMER - MÖRDERISCHE WAHRHEITEN
"Es war, als hätte der Himmel gewusst, was das ideale Wetter für ein Begräbnis war, 
und deshalb Nebel geliefert."






















12/10/2016

ADVENTSKALENDER #10: Magazin-Cover 2016

1. TIME OUT
Goodbye / David / Bowie






















2. THE NEW YORKER
Goodbye / Purple / Prince






















3. 11 FREUNDE
Die / Drei / Sportfragezeichen






















4. NME
Brexit / Britain / Blast






















5. HERITAGE POST 
British / Culture / Design


9/06/2016

GRACE JONES: I'LL NEVER WRITE MY MEMOIRS

GENIUS | GENDER | GRACEFUL


Wenn eine Ikone wie Sie eine Autobiographie schreibt, fragt man sich unwillkürlich, ob man den echten Menschen hinter dem Image überhaupt kennen lernen will und im Fall von Grace Jones, ob Sie überhaupt ein echter Mensch ist: Zu konstruiert erscheint sie in all den Kunstformen, in denen sie sich bereits präsentierte. Sie ist zugleich Disco-Queen, Bond-Bösewichtin, Menschmaschine, altersloses Alien, athletische Verwischerin aller Gender-Thesen und widersprüchliches Wesen: Genauso wie der Titel ihrer Lebenserinnerungen "I'll never write my memoirs" verweigert Jones dem Leser eine eindeutige Deutung ihrer Karriere und sie spielt mit uns, denn eigentlich hat sie mit dem Buch auch gar nicht ihre Memoiren geschrieben, sondern eine weitere Performance in Sachen Kunstfigur hingelegt. Denn wer könnte schon, ohne billig zu wirken, ihr Buch barbusig präsentieren, wenn nicht Miss Grace Jones, mit (vermutlich) 67 Jahren. Ganz die Diva (wobei sie sich dieses Wort verbittet), gibt sie keine genauen Zeitangaben an, darauf bestehend, dass sie ein Wesen aus Energie ist und so will sie auch die Zeit verstanden wissen - diese kann ihrer Meinung nach wie ihr immer noch stets benutzter Hula-Hoop-Reifen hin- und herfließen. Die These scheint der immer jung Wirkenden recht zu geben: Man glaubt ihr, wenn sie sich immer noch wie ein Mädchen fühlt, gleichzeitig jedoch auch Mutter und Model ist. Dabei ist dies keine Forderung an Frauen, alles gleichzeitig zu machen. Jones probiert im Leben einfach alles (und sie beschreibt auch offenherzig wirklich alles) einmal aus, ohne darauf zu achten, wie sie dabei auf andere wirkt oder welche Auswirkungen dies auf ihre Karriere haben könnte: Das ist das wahre feministische Statement in ihrem Buch, das sich liest als würde sie neben einem sitzen, einen Champagner in der Hand und den Finger der anderen elegant auf einer Play-Taste gelegt. Damit spielt sie dann die musikalischen Stationen ihrer Karriere ab, von den Anfangszeiten als Disco-Star der wilden Studio54-Zeiten über die stilprägenden Achtziger Jahre des "Island Life"-Albums bis hin zu ihrem selbstbewussten Comeback "Hurricane". Hier rechnet sie mit der Industrie ab und "Corporate Cannibal" daraus ist ein dämonisches Stück Abrechnung mit einer herzlosen Maschinerie geworden, unter deren Räder Jones jedoch nie kam. Vor einem solchen Schicksal warnt sie in ihren Memoiren ihre Nachfolgerinnnen wie Lady Gaga, Miley Cyrus oder Rihanna, die sie ganz offen des Plagiats rügt. Letztere trug beispielsweise einen bemalten Bodysuit, so dass sie nackt aussah, doch Jones ließ sich den nackten Körper von Keith Haring bemalen. Dies ist der Unterschied zwischen Wagnis und Imitation, zwischen echtem Underground und Mainstream, der mit dem Underground nur flirtet, zwischen Show-Effekt und wahrer künstlerischer Aussage, zwischen dem Ziel doch nur zu gefallen und dem Ziel wirklich unangepasst zu sein. Darum ist Jones zeitlos, ihre Fotos und Videos aus den Achtziger Jahren wirken deshalb auch jetzt noch futuristisch und neu. Insofern passt ein Credo ihres ziemlich inspirativen Buches wunderbar zu der Unfassbaren:

“Even death won’t stop me. It never has. You can find images of me from centuries ago. Faces that look like mine carved in wood from ancient Egypt [...] I have been around for a long time, heart pounding, ready to pounce on my prey [...] tripping, grieving, loving, hunting, conquering, seducing, fighting, dreaming, laughing, and I always will be.”



Sound zum Buch:













http://msshapes.blogspot.de/2016/09/grace-jones-ill-never-write-my-memoirs.html